Lernen mit und von anderen
- SaSchi
- 17. Sept. 2023
- 6 Min. Lesezeit
Es ist 7:50 Uhr ein sonniger Tag im Juni, an dem ich vor der Hölderlin-Grundschule in Bad Homburg eintreffe. Ich habe Gelegenheit, in einem Projekt der Schule mit dem Museum Sinclair-Haus der „Stiftung Kunst und Natur“ zu hospitieren. Bereits seit 2007 kooperiert die Schule mit dem Museum. Sie liegen nur „einen Steinwurf weit“ auseinander. Die Künstler:innen, die wir heute erleben werden, gestalten diese Kooperation z.T. schon von Beginn an mit. Diese Vertrautheit ist zu spüren. Wenige Absprachen sind nötig. Die Atmosphäre ist entspannt. Für Schüler:innen der 3. Klassen startet gleich der zweite Kulturtag des Projektes, dessen Themadas aktuelle Ausstellungsthema des Museums ist: „Wolken“.
Klang- Wort- Fab- Tanz- WOLKEN
In den nächsten Stunden können wir miterleben, wie die Kinder, nach einem Intro, in kleinen Gruppen selbstgesteuert Performances erproben. Im Musikraum entstehen mithilfe von Percussion-Instrumenten musikalische Wolkenbilder. Das Klassenzimmer wird zur Schreibwerkstatt, in der mit Stift und Papier Wort-Collagen entstehen. Später geht es in den Schlosspark. Dort bietet eine große Wiese Raum zur Entfaltung, Hemmung vor tänzerischen Bewegungen zu verringern und durch Beobachten und Achtsam sein in Gruppen kleine tänzerische Performances zu entwickeln. Wenige Meter weiter co-kreieren Schüler:innen mit Tüchern, Schwämmen und Fingern Wolkenbilder aus Farbe.
Die Erprobungen erfolgen eigenständig in kleinen Gruppen. Die Schüler:innen verständigen sich untereinander, bringen Ideen ein. Manche brauche ein wenig Starthilfe, andere sind gleich mit Feuereifer dabei. Im Themenfeld „Musik“ ist besonders zu spüren, wie aufregend und interessant es die Schüler:innen finden, Musikinstrumente überlassen zu bekommen, sich auf der Etage verteilen
und eigenständig mit ihrer Gruppe ein Wolkenklangbild entwickeln zu können. „Wenn man redet, kann man keine Musik machen und wenn man Musik macht, kann man nicht reden“ und „Wenn jemand eine Idee hat, immer ausprobieren“ gehörte zu den wenigen Hinweisen für die Zusammen-arbeit. Bei der Entwicklung der Wolkenklang-bilder wurde sehr schnell offensichtlich, dass freies Musizieren, für die Entwicklung von Ideen, eine achtsame Kommunikation erfordert, die sich ggf. auch über Frustrationserfahrungen entwickelt.
Freiraum Schlosspark
Der Teil des Schlossparkes, der für das Projekt genutzt wird, gehört zum „Wissensgarten“, einem Projekt der Verwaltung der hessischen Schlösser und Gärten und damit einer weiteren Kooperations-Akteur:in. Neben den Flächen, die für das Projekt genutzt werden, zeigt der „Wissensgarten“ Obstanbau an historischen Spalieren und Gartenkultur in einem Lehrgarten. Die Flächen gehen ineinander über. Die Nutzungsüberlassung der Freiflächen ist an die Erwartung gekoppelt, dass der „Wissensgarten“ nicht darunter leidet. Der Charakter „des Raumes“ wurde mit den Kindern besprochen.
Es war überaus interessant zu beobachten, welchen Einfluss Unterricht außerhalb der Schule auf das Verhalten der Schüler:innen hat. Plötzlich sind „die Räume viel weiter“, die Situation entspannter. Nach einer kurzen Phase des Ankommens und Orientierens haben sich die Gruppen ihren Künsten gewidmet und zu experimentieren begonnen. Die Weite des Raumes und die Reizfülle der Umgebung war den Künsten eher dienlich. „Das ist eine Ausnahme, mit anderen Settings nicht zu vergleichen“, mischen sich die Stimmen imaginärer Kolleg:innen in meine Gedanken. Möglicherweise macht sich hier bemerkbar, dass Schüler:innen der Hölderlin-Schule damit vertraut sind, in verschiedenen Umgebungen zu arbeiten. Begonnen hat es aber, wie überall, mit dem Mut etwas Neues auszuprobieren und der Einbindung erfahrener Akteur:innen.
Kooperationen werden nicht zum Selbstläufer
Auch nach 16 Jahren gemeinsamer Kooperationserfahrung entwickelt sich so ein „Projekt“ nicht von selbst. Oder anders gesagt: Auf der Basis jahrelanger Kooperationserfahrung ist das Wissen gewachsen, was zu einer projekt-unterstützenden Vorbereitung gehört. In diesem Fall starteten die Akteur:innen mit einem Kick-off-Nachmittag im Museum. Die beteiligten Lehrer:innen lernten die Künstler:innen kennen, bekamen eine exklusive Expert:innen-Führung durch die Ausstellung und erprobten und entwickelten anschließend gemeinsam in Kleingruppen künstlerische Herangehensweisen für die Schüler:innen. Im Rahmen des Kick-offs konnten alle praktischen und organisatorischen Fragen geklärt werden. Die Einladung zum Kick-off erging, neben den beteiligten Lehrer:innen, an alle Akteur:innen der Schule – Integrationshelfer:innen/ Teilhabeassistent:innen, Förderschulkräfte, FSJ-ler:innen, TVH-Angestellte usw.
Lange Erfahrung in Kooperationen ersetzt nicht die Vorbereitung. Wer hier auf Zeitersparnis hofft, ist, aus meiner Sicht, in die falsche Richtung unterwegs. Was sich aber entwickelt ist eine klarere Kommunikation und ein gemeinsames Verständnis von Begriffen, wie Vorhaben. Das erleichtert die Zusammenarbeit in der Tat deutlich. Eine weitere Perle dieser Vorbereitung war das gemeinsame Erproben und Entwickeln von Herangehensweisen am Kick-off-Nachmittag. Hier konnten Idee aus verschiedenen Sichtweisen und Selbsterprobungserfahrungen entwickelt werden. Ein Prozess, der zudem die Akteur:innen verbindet.
Auch die durchdachte Komposition der Projektzeit ist ein beredtes Zeugnis jahrelanger Erfahrung. Gestartet wurde mit einem gemeinsamen Auftakt (Urknall/ Kulturtag 1) auf dem Schulhof. Die Beteiligten stellten sich einander vor, es gab eine Einführung in das Projektthema und die sich anschließende Orientierungsphase wurde mit dem „Brottüten-Urknall“ gestartet. Nach der Orientierungsphase (Kulturtag 1+2) wählten die Schüler:innen verbindlich ein Kunst-Tandem (Tanz & Kunst bzw. Literatur & Schauspiel/Musik), in dem sie in den folgenden 3 Kulturtagen interdisziplinär mit zwei Künstler:innen zusammenarbeiten würden und einen „Mitmachstation bzw. -technik“ für den Take-over-Tag, passend zum Thema, entwickeln. Im Konzept wurde dafür die Bedeutung des ergebnisoffenen Experimentierens besonders hervorgehoben. „Die Künstler:innen unterstützen die Kinder dabei und achten auf Freiräume und kreative Prozesse“ (Zitat, Konzept der Projekttage). Ein Schulfest bietet, wenige Tage vor Projektende die Möglichkeit für alle Klassen und Eltern, einen Einblick in das künstlerische Arbeiten während der Projekttage zu erhalten. Mit einem Take-over-Tag, an dem die teilnehmenden Drittklässler den Schüler:innen der ersten Klassen das Thema „Wolken“ vorstellen und die Möglichkeit bieten, eigenen künstlerische Versuche zu starten, schließt das Projekt
Die Schüler:innen arbeiten in diesen Tagen klassenübergreifend, lernen vier verschiedene Künste kennen und vertiefen zwei davon. Ihre Arbeit erhält Aufmerksamkeit und Wertschätzung zum Schulfest und sie nehmen am Ende des Projektes für die Schüler:innen der ersten Klassen die Rolle der Künstler:innen und Lehrenden ein. Aus meiner Sicht geben die Kulturtage geben, ein interessantes Beispiel einer Kooperation im Rahmen Kultureller Bildung an Schulen und bieten viele interessante Impulse für Schulen, die in diesem Sinne unterwegs sind.
Ein Blick aufs Projekt, „wenn die Scheinwerfer aus sind“
Schule und Museum starteten früh in diese Form der Kooperation und nahmen damit einen Leuchtturmfunktion ein. Getragen von einem außergewöhnlichen Stiftungs-Budget konnten Kooperationen entwickelt werden, die sich über ein ganzes Schuljahr erstreckten und natürlich in den Schulalltag der Kinder fügten. Es war kaum zu erwarten, dass der Umfang der finanziellen Unterstützung über Jahre hinweg unverändert hoch bleiben würde. Möglicherweis haben die so realisierbaren Projekte die Notwendigkeit, eine Strategie zur Verstätigung zu entwickeln, erst einmal nicht dringlich erscheinen lassen. Mit dem Museum Sinclair-Haus hatte die Grundschule schließlich Kunstexpert:innen und eine finanzielle Förderung in einem gefunden. So hat das Schrumpfen der finanziellen Unterstützung der Stiftung sich unmittelbar auf den Umfang der Kooperation ausgewirkt.
Und es ploppen für mich weitere Punkte auf. Beim Schreiben dieses Textes verstärkt sich noch einmal der Eindruck, der zunächst vom bunten Treiben und einem großartigen! Konzept überlagert wurde. Ich tippe „Projekt, Projekt, Projekt“. Offenbar gab es nur in den musischen Fächern Bemühungen die Arbeitsweise aus den Kooperationen in den Unterricht zu übertragen. Mit meiner Frage, welchen Einfluss, die jahrelange Kooperation auf den Mathe-Unterricht ausgeübt hat, ernte ich Verwunderung. In Mathe gäbe es schließlich den Rahmenplan.
Mit einer Lehrerin bin ich noch über die Pause hinweg ins Gespräch vertieft. Auch hier stelle ich bald fest, dass ich, inspiriert vom Erlebten, viel mehr Entwicklung in der Schulkonzeption voraussetze. Der Gedanke, dass die klassische Lehrsituation aufgelöst werden könnte, erschreckt meine Gesprächspartnerin.
Gut zwei Wochen später sitzen wir noch einmal mit den Kunstvermittler:innen des Sinclair-Hauses zusammen, um über das Erlebte zu reflektieren. Seitens des Museums besteht klar das Anliegen nicht nur Projekte zu realisieren, sondern durch Angebote zur Lehrerfortbildung und die Art der Zusammenarbeit (gemeinsame Projektentwicklung) auch die Kultur des Lernens und interdisziplinären Arbeitens an der Schule zu entwickeln https://kunst-und-natur.de/museum-sinclair-haus/vermittlung/fortbildungen. Durch die Kooperation wurden in jedem Fall gute Voraussetzungen geschaffen, dass der Schritt vom Projekt hin zu einer anderen Kultur des Lernens und Lehrens leichter erfolgen kann
Mein Fazit
…ist einerseits Freude, zu sehen, welche Erfahrungen die Kulturtage den Grundschüler:innen ermöglichen und dass diese Angebote einen festen Platz im Schulleben haben. Von den Erfahrungen der Zusammenarbeit von Schule und Museum können andere Kooperationen sich profitieren.
Andererseits ziehe ich den Schluss, dass die Entwicklung von Kultureller Bildung an Schulen nicht allein vom Geld abhängt. Finanzielle Unterstützung macht vieles möglich, leichter. Wenn Lehrer:innen und Schulleitung sich, diese Erfahrung nutzend, nicht auf den Weg machen, die Art des Lernens und Lehrens an der Schule zu transformieren, Ideen auszuprobieren und weiterzuentwickeln, dann wird Bildung im Sinne von Kultureller Bildung weiterhin zum Nachtisch statt zum Hauptgang des Bildungs-Menüs gehören:
Offensichtlich braucht es nicht nur das Erleben von Kooperationen und Lehrerfortbildungen, die anregen, wie ästhetisches Forschen im Unterricht integriert werden kann. Die Entwicklung muss nicht nur vom eigenen Unterricht aus, sondern auch vom ganzen Schulkonzept her gedacht werden. Gesucht sind Lehrer:innen und Schulleiter:innen mit Gestaltungsfreude, Mut zum Risiko und einem systemischen Verständnis für schulischen Abläufe, um aus Projekten eine Kultur zu entwickeln.













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